ab 2026 Paul Hindemith: Das Marienleben
Liederzyklus nach Texten von Rainer Maria Rilke
Paul Hindemith nahm sich Rilkes Marien-Leben erstmals 1923 an, nur ein Jahr nachdem er mit „Sancta Susanna“ als provokationsfreudiger junger Komponist für Aufsehen gesorgt hatte. Während es in der Kurzoper nach der literarischen Vorlage August Stramms recht unverhohlen um die sexuelle Erweckung der bis dahin unberührten titelgebenden Susanna geht, fand Hindemith in Rilkes Gedichten eher Zweideutigkeiten, die er musikalisch auszuloten wusste. Obwohl die Uraufführung des noch expressionistisch beeinflussten Zyklus ein Erfolg war, kündigte er schon bald eine Revision an: „Hatte ich mit dem Marienleben mein Bestes gegeben, so war dieses Beste trotz aller guten Absichten noch nicht gut genug, um ein für alle Mal als gelungen beiseitegelegt werden zu können“, bekannte er später. Nachdem er bereits Ende der 1930-er Jahre mit ersten Überarbeitungen begonnen hatte, vergingen seit der ursprünglichen Version tatsächlich 25 Jahre bis er 1948 die Neufassung des Werks vorlegte. Als „technisch und spirituell erneuert“ bezeichnete er das revidierte Marienleben, dessen Fertigstellung in eine Zeit fiel, in der er sich auch mit anderen Kompositionen wie dem Requiem „Denen, die wir lieben“ zentralen christlichen Themen zuwendete. Der Tonfall des Marienlebens hat sich nun merkbar gewandelt: Stilistisch deutlich kohärenter begegnet Hindemith Rilkes Lyrik aus einer objektivistischeren Perspektive – durchgängig diatonisch und mit sanglicheren Linien findet er musikalische Entsprechungen, die die Semantik der Texte ausdeuten ohne einzelne Sprachbilder oder Affekte lautmalerisch nachzuzeichnen. Die Musik behält sich eine gewisse Eigenständigkeit und schafft innerhalb der überreichen Sprache dank tradierter Formen wie Passacaglia oder Thema mit Variationen eine übergeordnete Architektur. In beiden Versionen – der experimentellen, expressionistischen ersten Fassung und der gereiften, spirituelleren zweiten Fassung, gilt das Marienleben als einer der bedeutendsten Liedzyklen des 20. Jahrhunderts.
Fasziniert von diesem Werk wollen wir uns auf Marias Spuren begeben: Wir werden den programmfüllenden Zyklus in der Neufassung ab 2026, dem Jahr in dem sich Rilkes Todestag zum 100. Mal jährt, aufführen. In den nächsten Monaten wird außerdem Begleitmaterial in Form von Podcasts entstehen, in denen wir das Werk mit Expert*innen aus musikalischer, literarischer, theologischer und feministischer Sicht in gut zugänglicher Form vermitteln werden.

